"Hellerau - Vorbild für die nachhaltige Stadtentwicklung"

Rede von Staatssekretär Dr. Buttolo, Sächsisches Staatsministerium des Inneren, gehalten anläßlich der Festveranstaltung "90 Jahre Hellerau" am 12.06.1999.

 

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

dass ich heute - an einem so geschichtsträchtigen Tag - hier zu Ihnen sprechen darf, freut und ehrt mich zugleich. Ich bedanke mich deshalb ganz herzlich bei den Initiatoren dieser Festveranstaltung, dem Bürgerverein Hellerau, der Leitung der Deutschen Werkstätten und der Gartenstadtgesellschaft, für Ihre Einladung.

Aufgrund meiner Zuständigkeit für die sächsische Städte- und Wohnungsbaupolitik suche ich natürlich bei solchen Standorten mit solch hoher historischer Bedeutung immer auch nach dem aktuellen Bezug zu den entsprechenden Gegenwartsproblemen.

Ich denke doch, man kann die Leistung des Gründers der Deutschen Werkstätten, Karl Schmidt, und seiner engsten Mitstreiter bei der Umsetzung des Gartenstadtgedankens hier in Hellerau, Riemerschmid und Dohrn, am besten mit dem Nachweis weitgehender Aktualität ihres Anliegens und dessen Bestätigung in der baulichen Umsetzung würdigen.

Mit dem von mir gewählten Thema "Hellerau - Vorbild für die nachhaltige Stadtentwicklung" möchte ich deshalb den Versuch unternehmen, einige aktuelle Bezüge zu entwickeln.

Meine Damen und Herren,

seit der Wiedervereinigung wird viel über die Gartenstadt Hellerau und die Deutschen Werkstätten geschrieben und debattiert. Vor allem ihr glanzvoller Start vor dem 1. Weltkrieg wird immer wieder in Erinnerung gebracht, ein Start mit einer großen Zielstellung, nämlich der Einheit von Arbeiten, Wohnen und Kultur. Nutzungsmischung würden wir heute sagen.

Sicher sind die Rahmenbedingungen zum Ausgang des 20. Jahrhunderts für die Entwicklung unserer Städte nicht deckungsgleich mit denen Anfang des Jahrhunderts. Dennoch sind die Fragestellungen, auf die die Gartenstadtgründer eine Antwort erprobten, noch hochaktuell. Es sind Fragen, die für die nachhaltige Siedlungsentwicklung bis hin zur Zukunft der Stadt nach wie vor von großer Bedeutung sind. Und für diese Fragestellungen gilt es, eine Antwort zu finden.

Hellerau bietet sich dafür geradezu an. Denn die mit dem Gründungsgedanken verbundene Zielstellung beinhaltet bereits ein hohes Maß an Voraussetzungen für eine nachhaltige Stadtentwicklung.

Was ist aus Stadtentwicklungssicht unter diesem Begriff ,,Nachhaltigkeit" zu verstehen?

Welche Beziehungen sind dabei zu Hellerau herzustellen?

Zur Klärung des Begriffes "Nachhaltigkeit" möchte ich den nationalen Aktionsplan des deutschen Nationalkomitees zur Weltsiedlungskonferenz ,,HABITAT II",1996 heranziehen. Darin heißt es: ,,Nachhaltige Entwicklung bezeichnet eine Entwicklung, in der die Bedürfnisse der heutigen Generation befriedigt werden, ohne zukünftigen Generationen die Möglichkeit zur Befriedigung ihrer eigenen Bedürfnisse zu nehmen".

All das lässt sich am besten erreichen, wenn die drei wesentlichen Komponenten der Nachhaltigkeit, die Ökonomie, die Ökologie und das Soziale weitestgehend gleichrangig bei Planungs- und Investitionsentscheidungen berücksichtigt werden.

Und wenn ich nun diese aktuelle Nachhaltigkeitsformulierung mit den von Karl Schmidt im Jahre 1912 im ersten Werkbund-Jahrbuch geäußerten Gedanken vergleiche, so lässt es uns schon erstaunen, wie aktuell diese 87 Jahre alten Gedanken noch heute sind und wie weitblickend der Denkansatz Schmidts zu dieser Zeit bereits war, als er seine Überlegungen in die folgenden Worte fasste: ,,Es ist merkwürdig, wie schwer die Tatsache begriffen wird, nämlich, dass Rohmaterial - und mit ihm natürlich auch der daraus hergestellte Gegenstand - am billigsten bleibt, wenn es gut und gewissenhaft verarbeitet wird. Wenn wir Holz zu Schundmöbeln verarbeiten, versündigen wir uns am Naturprodukt. Die Erde gibt Rohmaterialien nur in beschränkter Menge her. Verbrauchen wir so viel Material, als die Erde jährlich wachsen lässt, so werden wir für die Materialien einen mäßigen Normalpreis haben; konnten wir weniger verarbeiten, so würde durch starkes Angebot der Preis sinken; verbrauchen wir aber mehr. so steigt der Preis im Verhältnis des Mehrverbrauches. Nicht allein, dass wir damit die Güter verteuern, sondern wir leben auf Kosten unserer Kinder und Enkel". Qualitätsanspruch und ökologisch-naturnahes Denken wurden hier zu einer Handlungsmaxime für eine nachhaltige Entwicklung verknüpft. Das verdient unsere besondere Anerkennung und unseren Respekt.

Es spricht auch für die Persönlichkeit von Karl Schmidt, die damaligen gesellschaftlichen Verhältnisse klar zu erkennen und daraus abzuleiten, dass unbedingt gravierende Verbesserungen der Lebens- und Arbeitsverhältnisse für die Klein- und Mittelschichten der Bevölkerung angestrebt werden mussten. Man muss wissen, dass Ende des 20. Jahrhunderts die Bevölkerung in den ehemaligen Städten rasant anwuchs - zwischen 1880 und 1890 um 111 % in den Großstädten, in den kleinen Städten bis zu 24 %, auf dem Lande dagegen nur um 1,31 %. Diese Abwanderung in die Großstädte, wo zwar Arbeit angeboten wurde, aber kein angemessener Wohnraum vorhanden war, führte zur Verelendung in den Arbeitervierteln und zu weiteren Boden- und Mietpreiserhöhungen. Diese Entwicklung hatte auch Dresden erreicht. Die Mieten stiegen in Dresden von 1895 bis 1901 um 22 %. Der soziale Sprengstoff war damit gegeben. Im Einfamilienhaus im Grünen wurde von den Gartenstadtgründern die erstrebenswerte Alternative zur Verbesserung der Lebensbedingungen insbesondere für die Arbeiter gesehen. Dazu kam, dass aufgrund der hohen Bodenpreise in den Städten preiswertes Bauland im Weichbild der Großstädte nicht nur für das Wohnen, sondern auch für Industrie- und Gewerbeansiedlungen interessant wurde. Was lag also in einer solchen Situation näher, als ein Reformmodell eines städtebaulichen Konzeptes zu realisieren, das vor dem Hintergrund der in der Krise befindlichen Städte den Versuch darstellt, auf einer engen räumlichen Beziehung von Arbeiten und Wohnen sowie auf der Vorstellung vom Leben im Einklang mit der Natur beruhte. Und das alles noch mit einem Zusatzangebot geistiger Nahrung in Form von Kultur. Das heißt, die sozial-kulturelle Komponente der Gartenstadtansiedlung in Verbindung mit dem bedeutenden Industrieunternehmen Deutsche Werkstätten als wirtschaftliche Basis gab der ersten deutschen Gartenstadt einen Rang, der sie über andere Gartenstädte und Werkssiedlungen dieser Zeit hinaushob.

Das Dringlichste war für Karl Schmidt in der Startphase das Fabrikviertel. Denn er war auch viel zu sehr Unternehmer, um nicht zu erkennen, dass ohne ökonomische Stärke sich soziale und ökologische Grundsätze kaum durchsetzen lassen.

Diese Stärke dokumentiert das Unternehmen ,,Deutsche Werkstätten" letztlich auch durch den von Riemerschmid geplanten Fabrikbau. Dieser ,,industrielle Gutshof" strahlt eine Faszination aus, die noch heute spüren lässt, dass von hier etwas Besonderes ausgegangen ist, eine Tradition, deren Fortführung lebendig gehalten werden muss. Die ,,Deutschen Werkstätten" waren der Gründungskern der Gartenstadt Hellerau. Sie können auch den Raum für die Weiterentwicklung von Hellerau, für die Weiterentwicklung der Gartenstadtidee neu eröffnen. Denn diese Idee verkörpert bis heute eine bevorzugte Lebensform. Deren Grundanliegen sind ideale Wohn- und bessere Lebensverhältnisse für alle, Gemeinnützigkeit, Mitbestimmung der Bewohner, solidarisches Handeln in der Gemeinschaft. Dafür können wir eine ganze Reihe von Hellerau lernen, ohne es einfach kopieren zu wollen, ohne es als ein allgemein gültiges zukunftsfähiges Konzept zu betrachten. Ein solches verbindliches Konzept kann es für die Stadtentwicklung auch nie geben. Denn Stadtentwicklung ist immer ein sich auf die aktuellen Bedingungen anpassender Prozess.

Die Fragen aber, auf die die Gartenstadt Hellerau eine Antwort erprobte, stellen sieh heute erneut und eher schärfer als damals:

Wie lassen sieh Arbeiten und Wohnen in räumliche Beziehung setzen?

Wie ist städtisches Leben in Einklang mit der Natur möglich?

Welche Perspektiven eröffnen sich für die Stadt des 21. Jahrhunderts?

Es geht um die grundlegende Entscheidung, trennen wir Stadtteile strikt nach Nutzungsgebieten für Wohnen, Arbeiten und Freizeit oder vermischen wir diese verschiedenen Nutzungen in einem Bebauungsgebiet? Gestatten Sie mir, dass ich im Zusammenhang mit diesen Fragestellungen ein bisher weitgehend praktiziertes städtebauliches Leitbild und dessen Folgen betrachte. Etwa 20 Jahre nach der Entwicklung von Gartenstadtkonzeptionen in Deutschland nahm die städtebauliche Entwicklung 1933 mit der Charta von Athen eine dem Gartenstadtgedanken konsequent entgegengesetzte Richtung: Wohngebiete und Industrie- und Gewerbe wurden nunmehr strikt nach Stadtteilen getrennt, ihre Verbindung wurde durch einen leistungsstarken Stadtverkehr herzustellen versucht. Der Extrempunkt dieser Entwicklung war die autogerechte Stadt.

In diesem Zusammenhang sollte man sich auch vor Augen halten, welche Auswirkungen gerade der hohe motorisierte Individualverkehr auf die Stadtentwicklung hatte und noch hat. Nachdem seit 1990 auch in den neuen Bundesländern annähernd der gleiche Motorisierungsgrad wie in den alten Ländern erreicht wurde und das im Wesentlichen ohne autogerechte Stadt, können wir sicherlich alle recht gut nachvollziehen, was überdimensionaler Verkehr für unsere Städte bedeutet. Distanzen zwischen Wohnen und Arbeiten werden nicht mehr in Kilometern gemessen, sondern nach Autominuten. Und wenn man heute eine Dreiviertelstunde im Stau steht, um etwa von Hellerau in das Stadtzentrum von Dresden zu kommen, ist man geneigt, an der Intelligenz unserer Gesellschaft zu zweifeln - einer Gesellschaft, die das Leben so organisiert, dass man 45 Minuten zur Überwindung einer Distanz benötigt, die von Pferdekutschen mit großer Wahrscheinlichkeit in der Hälfte der Zeit bewältigt worden wäre.

Wenn wir aber hier und heute die Beziehung zwischen Arbeiten und Wohnen analysieren und davon Rückschlüsse auf die Zukunft unserer Städte im sogenannten Dienstleistungszeitalter des 21. Jahrhunderts ziehen wollen, wird es nicht nur die hohe Mobilität, sondern vor allem auch die moderne Kommunikationstechnologie, die Telematik, sein, mit der die Städte konfrontiert werden. So kann es durchaus zur vermehrten Ansiedlung von Industriebetrieben im ländlichen Raum kommen. Ein Software - Betrieb beispielsweise kann sich heute genauso gut in der Lausitz statt in einem städtischen Ballungsgebiet ansiedeln. Die nötige Standleitung ist günstig zu haben, und die Kommunikation ist so perfekt, als spielte sich alles in der Stadt ab. Das muss aber nicht Schwächung der Stadt bedeuten. Durch die Herausnahme großer Industrieansiedlungen aus den Städten verstärkt sich für diese die Möglichkeit, Wohnen und Arbeiten wieder in großem Umfang zusammenzuführen und das städtebauliche Planungsprinzip "Stadt der kurzen Wege" i. S. der Nachhaltigkeit umsetzen zu können.

Gravierende Auswirkungen für das Kommunikationsgebilde Stadt wird die Entwicklung im Bereich der elektronischen Medien zur Folge haben. Die Menge an Gemeinsamkeiten, an gemeinsam Erlebtem, über das man kommuniziert, wird dadurch geringer. Es besteht die Gefahr, dass infolge mangelnder Kommunikation die Grundlagen zur Herstellung jenes Konsenses schwinden, den ein Gemeinwesen benötigt, um sich fortzuentwickeln. Es verlangt der Stadt eine gewaltige kulturelle, geistige und ökonomische Kohäsionskraft ab, wenn sie die darin angelegten Zentrifugalkräfte überwinden will. In dieser Situation geht von kulturellen und geistigen Zentren, Orten der Begegnung, kurzum: Lebensräumen, die die Menschen attraktiv finden, eine große identitätstiftende Wirkung aus. Einer der wichtigsten Begegnungsräume, in denen sich Kultur weiterentwickelt und erneuert, ist die Stadt. Kultur leistet auf diese Weise einen unverzichtbaren Beitrag im Zusammenhalt unserer Stadt, jedenfalls dann, wenn es ihr gelingt, die Bereitschaft der Bürgerinnen und Bürger für verantwortliches Mittun zu befähigen.

Aber nun nach diesem Rück- und Ausblick auf die die Stadtentwicklung prägenden Bedingungen zurück zur Gartenstadt Hellerau.

Hellerau und die Deutschen Werkstätten werden immer wieder als beispielhaft angeführt, wenn es im Rahmen der Nachhaltigkeitsdebatte um das spezielle Thema des kosten- und flächensparenden und umweltgerechten Bauens geht.

Und warum ist dieses Thema von so großer Relevanz? Warum gilt Hellerau als ein beispielhaftes Wohnmodell?

Angebote des kosten- und flächensparenden und umweltgerechten Bauens sind die zentrale Vor-aussetzung für die Sicherung einer sozialen und umweltgerechten Wohnungs- und Städtebaupolitik. Alle Möglichkeiten, Baukosten zu senken und alle Möglichkeiten ressourcenschonend zu bauen, sind deshalb auszuschöpfen. Kostensparende ökologische Bauweisen und ein sparsamer Umgang mit Grund und Boden erfüllen gleichzeitig den geforderten Nachhaltigkeitsanspruch.

Zukunftsfähige Wohnungspolitik, d.h. Wohnen als Sozialgut und die Wohnung als Wirtschaftsgut, verlangt sowohl nach günstigen ökonomischen Rahmenbedingungen für den Bau und den Erhalt von Wohnraum wie auch nach zielgerichteten Instrumenten und Maßnahmen zur Sicherstellung der sozialen Belange des Wohnens. Gleichzeitig soll aber auch die Bildung von selbstgenutztem Wohneigentum unterstützt werden. Und dies alles kann auch heute wie vor 90 Jahren nur über den Weg des kosten- und flächensparenden und umweltgerechten Bauens erreicht werden.

Nur, wenn wir Hellerau in diesem Zusammenhang erwähnen und es als Vorbild für das Bauen ansehen wollen, dann müssen wir - wie es das Anliegen von K. Schmidt und seiner engsten Mitstreiter war - dieses Baugeschehen neben dem ökonomischen und sozialen, genauso auch unter architektonischem und kulturellem Aspekt betrachten. Denn gerade in dieser Breite liegt die Stärke und die Zukunftsbeständigkeit der Gartenstadt Hellerau und der Deutschen Werkstätten.

Um aber diesen Weg erfolgreich beschreiten zu können, waren ausgereifte Planungsüberlegungen von der ersten Phase der städtebaulichen Planung, über das Gebäudekonzept bis hin zum baulichen und freiraumgestalterischen Detail erforderlich. Und darin liegt auch das besondere Verdienst von Riemerschmid, dass er im Bau der Gartenstadt Hellerau eben nicht nur die Lösung wirtschaftlicher und sozialer, sondern auch ästhetischer Probleme sah und diese bereits mit seinem Bebauungsplan zu lösen versuchte. Deshalb nahm er auch nicht einfach Schiene und Winkel, um den Bebauungsplan auf das Zeichenblatt zu bringen – so wie es viele zu seiner und nach seiner Zeit getan haben. Er hob die künstlerische Seite des Städtebaus hervor und leitete daraus die wirtschaftliche und konstruktive Seite ab.

Auf einige m.E. bemerkenswerte Planungs- und Verfahrensweisen möchte ich unbedingt hinweisen, ohne jedoch naheliegende Möglichkeiten der Übertragbarkeit zusätzlich zu kommentieren. Ich glaube, jeder von Ihnen kann dazu sofort eine eigene Bewertung finden. Es beginnt bei der Einbeziehung der örtlichen Gegebenheiten in die ersten Planungsüberlegungen. Durch weitestgehende Respektierung der Geländesituation ergab sich nicht nur eine Vielfalt der Raumeindrücke, sondern die Erschließungskosten konnten aufgrund kaum erforderlich werdender Geländebewegungen äußerst gering gehalten werden. Durch wechselnde Baufluchten werden ständig neue Eindrücke von Straßenbildern erreicht. Die Baukörper sind wie ihre Grundrisslösungen übersichtlich gestaltet. Das alles sind Planungsgrundsätze, die bis heute Gültigkeit besitzen, aber bis heute leider immer noch nicht zur Selbstverständlichkeit geworden sind.

Interessant sind ganz besonders auch die von Riemerschmid verfassten Bauvorschriften für das Kleinhausviertel. Auch aus diesen Vorschriften lässt sich gut der weite Denkansatz des Garten-stadtgrundgedankens bis zur Umsetzung ins Detail ablesen. Sie waren für die damalige Zeit in Deutschland einmalig. Betroffen sind davon insbesondere die bauhygienischen Vorgaben. Einige davon möchte ich Ihnen zum besseren Verständnis der tiefgründigen Überlegungen mit dem Ergebnis zeitlosen Gültigkeitsanspruches benennen, z.B.:

  • - Jede mit Fenstern versehene Gebäudeseite musste einen Lichteinfallwinkel von 45 Grad ermöglichen.

    - Die lichte Raumhöhe sollte 2.40 - 2.60 m betragen.

    - Mindestwohnfläche 48 m2

    - Die Größe der Fensterflächen eines Wohnraumes sollte mindestens 1/8 seiner Grundfläche erreichen, bei Räumen ohne unmittelbare Sonneneinstrahlung sogar 1/6 ihrer Grundfläche.

    - Zugunsten des Erhaltes der Gartenfläche durfte nur 1/4 des Bodens mit Wohn- und Nebengebäuden bebaut werden.

  • Da Riemerschmid bei höchstem künstlerischen Anspruch immer auch die kostengünstige Umsetzung als Herausforderung ansah, versuchte er die Aufgabe zu lösen, indem er Typenhäuser vorsah - 34 Haustypen. Es waren die ersten typisierten Häuser in Deutschland, sowohl in Bezug auf die Grundrisse als auch auf die Fertigung von Ausbauteilen wie Türen, Treppen, Fenster und Fensterscheiben. Er vereinheitlichte eine Vielzahl von Details, wodurch Bauteile wie Fenster- und Türstürze, Sohlbänke, Treppen, Fenster, Fensterläden und Deckenbalken in größerer Stückzahl vorgefertigt und damit äußerst kostengünstig hergestellt werden konnten. Das bedeutet aber keinerlei Abstriche am künstlerischen Wert der Bebauung.

    Über dies alles wachte seit 1908 eine Bau- und Kunstkommission. Es durfte kein Bau errichtet werden, der nicht von dieser Kommission genehmigt worden war. Erfreulich ist, dass seit 1996 sich wieder eine ähnliche Kommission mit dieser Aufgabe befasst.

    Hervorzuheben ist, dass auch dieses breit angelegte Bauvorschriftenwerk in enger Abstimmung mit den künftigen Nutzern geschaffen wurde. Es ist geradezu einmalig, doch typisch für die sozial und demokratisch denkende und handelnde Persönlichkeit des Bauherrn Karl Schmidt, dass er auf Anregung seines Architekten Riemerschmid mit seinen Arbeitern, den späteren Nutzern, über die Gartenstadtgründung sprach und über Fragebögen ihre Meinung erforschte. Riemerschmid setzte in seiner Planung diese Hinweise überwiegend um.

    Auch dieses hohe Maß an Nutzerbeteiligung konnte wesentlich zur Kostenreduzierung beitragen. Kostenreduzierung ohne Abstriche an die Qualität war das ständige Anliegen der Gartenstadtgründer, wenn es um die Umsetzung ihrer Planungsideen ging.

    Mit den sog. "Maschinenmöbeln" war ihnen dies in hervorragender Weise gelungen. Was war also naheliegender, als diese Erfahrung aus der Möbelfertigung, alle Einzelteile maschinell fertigen zu können, auch auf den Hausbau zu übertragen. Von der Idee bis zur Ausführung dauerte es vier Jahre. 1910 entstand am Tännichtweg, im Landhausviertel, das erste Holzhaus.

    Aufgrund der Wohnungsnot nach dem 1. Weltkrieg gewann die leichte Vorfertigung von Häusern jedoch generell in Deutschland an Bedeutung. Die Holzbaufirmen Christoph & Unmack, Niesky (bekannt durch die Wachsmann-Siedlung), die Allgemeine Häuserbau AG Sommerfeld, Berlin und die Deutschen Werkstätten Hellerau und München profilierten sich zu den führenden Unternehmen des Landes. Das höchste Niveau des Vorfertigungsgrades wurde mit dem 1. Plattenbau der Deutschen Werkstätten im Jahre 1924 erreicht.

    Obwohl man von Typenhäusern sprach, ließen die Entwürfe der Holzhausarchitektur absolute Variabilität für die individuelle Gestaltung und Wünsche des Bauherrn zu. Man typisierte die Bauteile, aber nicht die Grundrisslösung. Die Holzhäuser der DW Hellerau erweisen sich bis heute als dauerhafte Bauwerke von ästhetischem Wert. Rückblickend auf eine etwa 90jährige Geschichte kann man der 1923 getroffenen Aussage zustimmen: "Der ästhetische Wert der Holzhäuser der Deutschen Werkstätten schließt sich dem wirtschaftlichen und praktischen ebenbürtig an. Die Künstler der Deutschen Werkstätten haben aus ihrem sachlichen Sinne, der sie die Maschinenmöbel schaffen ließ, die Schönheit des Knappen und Notwendigen gesucht und bewiesen, dass Einfachheit nicht Ärmlichkeit, nicht geistige Dürre zu sein braucht. Für eine solche Leistung bedarf es allerdings reicher technischer Erfahrung, liebevoller Versenkung in das Kleine und Kleinste, eines ausgebildeten Sinnes für das Wesentliche und die heimliche Musik guter Verhältnisse wie farbiger Wirkungen."

    Für die weitere Entwicklung Helleraus gerade auch unter aktuellen ökologischen Fragestellungen scheint es m.E. lohnend, an diese bisher doch relativ wenig bekannte Tradition anzuknüpfen, zumal sie weit älter ist als die zweifellos auf diesem Gebiet großen Leistungen des 1919 gegründeten Bauhauses. Gerade bei der Suche nach Alternativen zu Baumaterialien wie Beton, Stahl und Glas kann auf die Hellerauer Holzbautradition zurückgegriffen werden. Und das sollte auch verstärkt getan werden. Erste Überlegungen zur Fortführung dieser Tradition liegen hierfür den Werkstätten bereits vor.

    Meine Damen und Herren.

    die von mir unter dem Nachhaltigkeitsaspekt ausgewählten Elemente der Entwicklung Helleraus - vom Gründungsgedanken bis hin zur Holzhaustradition - wären unvollständig, wenn hier nicht der Beitrag der Gartengesellschaft gewürdigt würde. Mit deren Gründung wurde hier vor 91 Jahren etwas vollzogen, worum wir uns heute wieder intensiv bemühen, die Stärkung des Genossenschaftsgedankens für eine zukunftsfähige Wohnungspolitik. Selbsthilfe, Selbstverwirklichung und Selbstverantwortung als Elemente des Genossenschaftsgedankens sind unbedingt zu revitalisieren, wenn wir die große Zielstellung ,,angemessener Wohnraum für alle" durchsetzen wollen. Auch die Gartenstadtgründer hätten ihre lebensreformerischen Gedanken einer gemeinnützigen Siedlung nicht umsetzen können, wenn sie sich nicht die Organisationsform ,,Baugenossenschaft" zu ihrem Mitstreiter gemacht hätten. Dies betrifft nicht nur die Verwirklichung des städtebaulichen und architektonischen Modells, sondern insbesondere auch den Umgang mit Grund und Boden, die Bereitstellung des Baulandes, gesichert und spekulationsfrei.

    Meine Damen und Herren.

    die Gartenstädte, auch die Gartenstadt Hellerau, stellen sicher keine generelle kopierfähige Lösung für die Zukunft der Stadt dar.

    Aber Ansätze dafür sind ohne weiteres erkennbar. Nur einige davon konnte ich in meinen Ausführungen erwähnen. Ihre Passfähigkeit an heutige Bedürfnisse festzustellen, gilt es weiter zu prüfen. Auf jeden Fall lässt sich aber feststellen, dass die Innovationsbereitschaft, die den Versuch auszeichnet, ein Modell für die Reform krisenhafter Stadtentwicklung zu etablieren, beispielhaft ist. Aktuell ist nach wie vor die der Gartenstadt zugrunde liegende Idee - einen Lösungsbeitrag zur Schaffung angemessenen Wohnraums in einem lebenswerten Umfeld zu leisten.

    Wenn wir heute den 90. Jahrestag der Gründung der Deutschen Werkstätten feiern und dies zum Anlass nehmen, über die gesamte Entwicklung der Gartenstadt Hellerau nachzudenken, so drängt sich natürlich zwangsläufig die Frage auf, wie sich wohl Hellerau zu seiner 100-Jahr-Feier darstellen könnte. Um einen solchen Ausblick zu wagen, sollten wir auf unsere Kenntnis der allgemein für die Städte bekannten gegenwärtigen und zu erwartenden Bedingungen zurückgreifen. Wir wissen, dass diese Bedingungen für die Entwicklung unserer Städte auf absehbare Zeit nicht sonderlich günstig sind, dass sich die Städte nach wie vor dem hohen Konkurrenzdruck umfangreicher Ansiedlungen des Handels, des Gewerbes und teilweise auch des Wohnens im Umland der Städte zu stellen haben. Uns ist bekannt, dass die Geburtenrate weit unter Normalmaß liegt. Wenn es uns nicht gelingt, das Arbeitsplatzangebot gerade in den Städten wesentlich zu erhöhen, wird es zu weiteren Abwanderungen der Bevölkerung kommen. Eine Stadt wird aber nur lebendig sein, wenn alle Komponenten - die Komponente Wohnen, Arbeiten und Freizeit - vertreten sind. Die sächsische Städte- und Wohnungsbaupolitik ist auf die Stärkung der Innenstädte ausgerichtet. Ich denke dabei an Maßnahmen wie die Förderung des Wohneigentumserwerbs im Bestand und die Beschränkung des Mietwohnungsbaus auf den Bestand. Wie erfolgreich Wohnungsbauförderung im Bestand sein kann, dafür haben wir ja mit den am Hellerauer Markt durchgeführten Wohnungsmodernisierungs- und instandsetzungsmaßnahmen ein äußerst eindrucksvolles Beispiel. Für ca. 12 Mio DM wurden hier etwa 100 Wohnungen gefördert.

    Aber auch in der Erteilung von Baugenehmigungen für großflächigen Einzelhandel und Gewerbegebiete "auf der grünen Wiese" wird größte Zurückhaltung zugunsten der Innenstädte geübt.

    Was bedeutet dies alles für Hellerau?

    Ich glaube, mit ziemlicher Sicherheit voraussagen zu können, dass Hellerau zu den Stadtteilen gehören wird, die die genannten problematischen Bedingungen am ehesten verkraften werden. Und dies rührt nicht zuletzt daher, dass man in Hellerau nicht nur wohnt oder arbeitet, man identifiziert sich mit diesem Stadtteil. Deshalb verlässt man ihn selbst in Krisenzeiten nicht so schnell. Dem Hellerauer ist sehr wohl bewusst - und das gilt auch für die neu Zugezogenen -, dass hier ein menschlicher Maßstab für das Wohnen angeboten wird, der deshalb auf lange Sicht den Vorstellungen vom guten Wohnen entsprechen wird. Dieses Wohnmodell Hellerau lässt keine Monotonie aufkommen, verhindert Ausgrenzung und fördert die Integration aller Bevölkerungsschichten. Es bietet Familien mit Kindern und älteren Menschen gleichermaßen ein günstiges Wohnumfeld. Eine ausgewogene Bevölkerungsstruktur wird deshalb auf absehbare Zeit gesichert sein. Wohnungsleerstand mit all seinen negativen Auswirkungen wird hier kein Thema sein. Im Gegenteil, auch der noch beabsichtigte Wohnungsneubau wird seine Nutzer finden. Zu wünschen bleibt die stärkere Ausweitung des mit dem Gründungsgedanken verbundenen Kulturanspruchs und dessen Nutzung als Bindeglied im Miteinander der Hellerauer. Aber dafür kann und wird das Festspielhaus noch zunehmend beitragen.

    Und weil die Erwartungen für die Gartenstadt Hellerau so positiv bewertet werden können, haben wir allen Grund zum Feiern. Dies sollten wir auch ausgiebig tun.

    Ich wünsche Ihnen für dieses Wochenende viel Freude und bis zur 100-Jahr-Feier alles Gute.

     

    Nach dem Wortlaut des Redemanuskripts, mit der freundlichen Genehmigung des Redners.